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Coronavirus

Wer pflegen kann, wird nun aufgeboten

Die zahlreichen Ausfälle im Personal zwingen Seeländer Institutionen zu Massnahmen: Das Militär soll aushelfen und im Notfall müssen auch die Chefs ran.

Im Seelandheim Worben werden die Pflegenden im Notfall mit Personal aus der Hotellerie unterstützt.  Peter Samuel Jaggi/a

Hannah Frei


31 109 bestätigte Coronafälle meldete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gestern – so viel wie noch nie. Und es werden wohl in den kommenden Wochen nicht weniger: Mindestens zwei Drittel der Neuinfektionen seien auf die Omikron-Variante zurückzuführen, sagte BAG-Krisenmanager Patrick Mathys an der Pressekonferenz am Montag. Dieser Mutant führe zwar zu weniger schweren Verläufen, sei aber deutlich ansteckender.


Die vielen gleichzeitig erwarteten Fälle in den kommenden Wochen können laut Mathys zu deutlichen Personalausfällen führen und somit die Versorgung gefährden. Nicht nur die Kranken fehlen, sondern auch diejenigen, die sich in Quarantäne befinden. In den Seeländer Institutionen und Betrieben wird nun alles getan, um die Infrastruktur aufrecht zu erhalten.


Die Verkehrsbetriebe Biel etwa seien darauf eingestellt, kurzfristig Personal aus der Werkstatt und der Verwaltung als Buschauffeusen einzusetzen, schreibt Mediensprecherin Sarah Walter. Eben jede, die den dafür nötigen Fahrausweis besitzt. Zurzeit gebe es bei den Verkehrsbetrieben zwar kaum Coronafälle. Man rechne daher damit, am Montag wieder auf den Normalfahrplan nach der Ferienzeit umstellen zu können. Sollten die Fälle bei den VB jedoch signifikant steigen, werde man den Fahrplan anpassen müssen. In anderen Bereichen ist die Situation bereits jetzt deutlich prekärer.


Antrag beim Militär gestellt

Stark betroffen sind etwa das Gesundheitspersonal und die Lehrpersonen: viele physische Kontakte, viele Fälle, ein leerer Topf für Ersatz. Um Ansteckungen innerhalb des Teams möglichst zu verhindern, hat das Spitalzentrum Biel (SZB) das Personal in zwei Gruppen eingeteilt, die sich nie gleichzeitig im Spital aufhalten, schreibt SZB-Mediensprecherin Marie-Pierre Fauchère. Zudem habe man beim Militär einen Antrag für personelle Unterstützung gestellt: Gebraucht werden neun Personen für Pflege und Logistik und fünf zur Unterstützung im Impfzentrum.


Weiter suche man im gesamten Personal nach Personen, die ein Diplom im Gesundheitswesen haben, also etwa auch solche, die heute in der Administration arbeiten. «Wenn alle Stricke reissen, würde auch Spitaldirektor Kristian Schneider vorübergehend am Patientenbett aushelfen», schreibt Fauchère. Denn pflegen kann er, ist er doch damit in die Gesundheitswelt eingestiegen. Wer geboostert ist, soll zudem mittels Ausnahmebewilligung weniger lang in Quarantäne bleiben müssen. Und als letzte Massnahme komme man wohl nicht darum herum, die nicht überlebenswichtigen Eingriffe herunterzufahren – weil das Personal dazu schlicht und einfach fehlt.


Ähnlich klingt es aus dem Seelandheim in Worben: «Wir bereiten uns auf eine anspruchsvolle Zeit vor», schreibt Heimleiter Reimund Zbinden. Sollte in den kommenden Wochen deutlich mehr Personal ausfallen, seien weitere Massnahmen wie etwa ein Ferienstopp, die Verlängerung von Arbeitszeiten oder gar einem Aufnahmestopp bei den Bewohnenden denkbar. Zudem würde man die Pflegenden mit Personal aus anderen Bereichen unterstützen. Also alles zurückfahren, um eine gute Pflegeleistung sicherzustellen.


Ungewisser Schulstart

Im Schulbereich schlug die Gewerkschaft Alarm: «Im Dezember merkten wir bereits, dass die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Schulleitungen am Anschlag sind», sagt Anna-Katharina Zenger, Leiterin Gewerkschaft Bildung Bern, gegenüber Radio «Canal 3».

Am Montag beginnt an den Berner Schulen der Unterricht wieder. Bei den öffentlichen Schulen in Biel sei zurzeit schwer abzuschätzen, wie sich der ohnehin herrschende Personalmangel auf die Situation auswirkt, so Reto Meyer, Abteilungsleiter Schule und Sport. Es könne zu Engpässen kommen. Im schlimmsten Fall müsse man einzelne Lektionen ausfallen lassen. Dafür brauche es aber eine vorgängige Absprache mit dem Kanton. Um dies zu verhindern, arbeite man aber bereits seit Längerem mit Stellvertretungsplänen. «Die Schulen müssen von Fall zu Fall Lösungen finden», so Meyer.


Und wie sieht es eigentlich bei denen aus, die die Gesellschaft mit Lebensmitteln versorgen? Die Migros Genossenschaft gibt jedenfalls Entwarnung: Seit Beginn der Pandemie verzeichne man bei der Migros abgesehen vom März und November 2020 nicht mehr Krankheitsausfälle als in anderen Jahren, schreibt Mediensprecher Marcel Schlatter. Zudem seien die Lager gut gefüllt. «Die Versorgung der Bevölkerung ist nicht gefährdet», so Schlatter. Diese sicherzustellen sei bisher in der Pandemie gut gelungen. Und er sei zuversichtlich, dass dies auch weiterhin so bleibt.

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