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Lengnau

Und plötzlich ist vieles anders

Die CSL Behring wird den Standort Lengnau nicht selber betreiben, behält aber die Gebäude und Anlagen. Der Grund: CSL hätte die Kapazitäten auf längere Sicht nicht auslasten können.

Blick ins Innere der CSL-Fabrik während des Aufbaus 2018. copyright: matthias käser/bieler tagblatt

Tobias Graden

Der Titel der Medienmitteilung, die gestern Nachmittag verschickt wurde, klingt unspektakulär: «Thermo Fisher Scientific und CSL gehen eine strategische Partnerschaft ein, um branchenführenden Pharmaservice anzubieten». Für die Region verbirgt sich dahinter aber doch ein ziemlicher Paukenschlag.
Thermo Fisher werde das Produkteportfolio von CSL mit ihrem «Pharmaservice-Netzwerk» unterstützen, «einschliesslich die Arzneimittel-Produktentwicklung, Herstellung von Biologika, sterile Abfüllung sowie die Verpackung und Logistik für klinische Studien». Weiter heisst es: «Sobald die Bautätigkeiten Mitte 2021 abgeschlossen sind, wird Thermo Fisher im Rahmen eines langfristigen Mietervertrags mit CSL eine neue hochmoderne Produktionsstätte für Biologika in Lengnau, Schweiz, betreiben.»
Im Klartext: CSL Behring wird die neue Fabrik in Lengnau, deren Aufbau nach eigenen Angaben Investitionen von einer Milliarde Franken auslösen sollte, nicht selber betreiben.

Vertrag über 20 Jahre
Die Partnerschaft mit Thermo Fisher ist eine Zusammenarbeit mit einem Giganten. Während der CSL-Konzern weltweit 26000 Mitarbeitende beschäftigt, sind es bei Thermo Fisher über 75000. Der Jahresumsatz beträgt über 25 Milliarden US-Dollar. Der Konzern bezeichnet sich als der «weltweit führende Lieferant wissenschaftlicher Anwednungen».
In Lengnau erhält Thermo Fisher einen langfristigen Mietvertrag. Laut Auskunft von Sandra Ruckstuhl, der Mediensprecherin von CSL Behring, hat dieser eine Laufzeit von 20 Jahren mit einer Option, diese zu verlängern. Die Partnerschaft beginnt sofort. CSL werde beginnen, «Thermo Fisher am Standort zu integrieren und mit dem Wissenstransfer anzufangen, damit ein reibungsloser Übergang sichergestellt werden kann», teilt Sandra Ruckstuhl mit. Der formale Managementwechsel werde voraussichtlich nicht vor 2021 erfolgen.

Produktion für Dritte
Der Grund dafür, Thermo Fisher ins Boot zu holen, ist letztlich simpel: CSL Behring hätte alleine die Produktionskapazitäten in Lengnau auf längere Sicht nicht ausnützen können. Unbestätigten Berichten zufolge hätte die Auslastung bloss bei 30 Prozent gelegen.
Das war ursprünglich ganz anders geplant. «CSL begann den Bau des Standorts in Lengnau 2015 mit der Absicht, die drei wichtigen rekombinanten Produkte der nächsten Generation kommerziell herzustellen: Faktor VIII, langwirkender Faktor IX und langwirkender Faktor VIIa», teilt Sandra Ruckstuhl mit. Diese rekombinanten Produkte sind Arzneimittel zur Bekämpfung der Bluterkrankheit. Dann aber hat sich der Markt offenbar anders entwickelt als gedacht. Mittlerweile hat CSL die Entwicklung des Faktor VIIa eingestellt, da auch andere Anbieter auf dem Markt sind – «und das Wettbewerbsumfeld für den Faktor VIII hat sich erheblich verändert», so Ruckstuhl. Dieses werde von CSL weiterhin «anderswo» hergestellt.
Übrig bleibt also ein Produkt. Dessen Herstellung wird nun Thermo Fisher übernehmen, CSL wird es als Kunde abnehmen. Mit der Zeit – voraussichtlich ab 2023 – wird Thermo Fisher weitere Produkte für Drittkunden in Lengnau herstellen und laut Ruckstuhl auch «in den Standort Lengnau investieren, damit er mit seinem vollen Potential eingesetzt werden kann». Der Konzern zählt laut NZZ seit der Übernahme der Firma Patheon zur «Spitzengruppe der Auftragsfertiger für die Pharmabranche» und «hegt Ambitionen besonders in der Herstellung von zukunftsträchtigen Biotech-Produkten».

Personal wird übernommen
Derzeit beschäftigt CSL in Lengnau 240 Mitarbeitende. Die «Mehrheit» davon wird laut Ruckstuhl zu Thermo Fisher wechseln. Mit welchem Personalbestand genau ab Inbetriebnahme zu rechnen ist, sei noch nicht bekannt. Die mechanische Fertigstellung des Werks soll Mitte nächstes Jahr abgeschlossen sein – was einer deutlichen Verzögerung gegenüber den anfangs kommunizierten Plänen gleichkommt. Angaben zu Zahlen macht CSL Behring keine. Sicher ist, dass sämtliche Gebäude und Anlagen im Besitz von CSL verbleiben. Die Partnerschaft werde es «CSL ermöglichen, die Renditen für die Investition unserer Aktionäre in unseren Standort Lengnau zu optimieren», teilt Sandra Ruckstuhl mit.
Die Ansiedlung von CSL Behring in Lengnau gelang auch mit Hilfe der Wirtschaftsförderung des Kantons, und damit verbunden waren Steuererleichterungen. Die Strategieänderung von CSL hat darauf nun allerdings auch einen Einfluss, wie Ruckstuhl bestätigt: «Änderungen im Betrieb des Standorts haben die Möglichkeiten von CSL, von diesen Steuererleichterungen zu profitieren, bereits reduziert.»

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