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Orientierungslauf

Es beginnt mit Gold

Auftakt nach Mass: An der Heim-EM in Neuenburg hat Simona Aebersold mit der Staffel den ersten Rang erreicht. Für die 23-jährige Brüggerin war es die erste Goldmedaille an einem Grossanlass.

Der Zieleinlauf: Joey Hadorn, Elena Roos, Simona Aebersold und Matthias Kyburz (von links) feiern den Sieg in der Sprint-Staffel. Bild: Keystone

Michael Lehmann

Erst als Elena Roos ins Fussballstadion einläuft, löst sich die Anspannung bei Simona Aebersold. In diesem Moment weiss die 23-Jährige, dass sie gleich ihre erste Goldmedaille an einem internationalen Grossanlass erhalten wird. Zusammen mit Matthias Kyburz und Joey Hadorn rennt die Seeländerin der Schlussläuferin Elena Roos entgegen, zu viert überschreiten sie die Ziellinie. Mit fast einer Minute Vorsprung gewinnt die Schweiz die Sprint-Staffel: Was für eine Machtdemonstration zum Beginn der Heim-EM in Neuenburg.

«Labyrinth» vorausgeahnt
Rund eineinhalb Jahre hat sich Simona Aebersold nicht mehr mit den Besten der Welt messen können. Auch deshalb konnte die Brüggerin den gestrigen Start kaum erwarten. Hinzu kam die Nervosität. Zwar ist ihr am Sonntag mit dem Schweizer Meistertitel im Sprint die Hauptprobe geglückt, sie wusste jedoch, dass es erst ein paar Tage später wirklich ernst gilt. «Vor solch grossen Rennen möchte ich eigentlich einfach im Bett liegen bleiben», sagt Aebersold. «Es dauert immer eine Weile, bis sich die Vorfreude auf den Wettkampf bei mir meldet.» Und sowieso brauche sie die Anspannung, um sich ganz auf das Rennen fokussieren zu können.

Dieser Fokus war Aebersold denn auch anzusehen, als sie mit den anderen Läuferinnen an den Start ging. Sogleich versuchte sie, alles in ihrem Blickfeld zu registrieren. «Als ich den Sichtschutz gesehen habe, war mir klar, dass am Schluss nochmals etwas Spezielles auf uns warten wird.» Tatsächlich hatten die Organisatoren ein kleines Labyrinth aus Absperrungen vorbereitet, das auch Aebersold kurz aus dem Konzept bringen sollte.

Dass die Seeländerin den Start übernehmen würde, war eine Teamentscheidung. Sie hätte es sich aber auch so gewünscht. «Dies, obwohl ich den Beginn eigentlich nicht mag, denn es gibt immer viele Gegnerkontakte», erklärt Aebersold. Andererseits ist sie sich die Position gewohnt. Seit sie den Sprung von den Juniorinnen zur Elite gemacht hat, ist sie praktisch immer als Startläuferin eingesetzt worden. Dies an einem Grossanlass erstmals zu ändern, hätte sie wohl bloss verunsichert, sagt Aebersold. «Ausserdem wusste ich, dass Elena mit ihrer Erfahrung auf der Schlussstrecke kaum zu schlagen ist.»

Grundlage gelegt
Der Start verlief nach Wunsch: Simona Aebersold setzte sich gleich an die Spitze und konnte so ihr eigenes Rennen laufen. Einzig Lina Strand tauchte immer wieder knapp vor ihr auf. Das änderte sich etwa bei Rennmitte: Aebersold zog an der Schwedin vorbei, der unmittelbar danach ein kleiner Fehler unterlief. Das resultierte in einem rund zehnsekündigen Vorsprung für die Schweizerin. Dieser schmolz bis ins Ziel auf vier Sekunden hin, weil auch Aebersold ein Fehler beging. Beim Eingang ins Stadionlabyrinth wählte sie zuerst den Weg in die Sackgasse und musste umdrehen. Dennoch zeigte sie sich am Ende ihres Laufes sehr zufrieden. Dass die Folgeläufer unbedrängt starten konnten, war ein letztlich entscheidender Vorteil.

Der Vorsprung auf das schwedische Team, dem erwartet stärksten Konkurrenten, wuchs an. Hadorn lag im Ziel 26 Sekunden vor dem ersten Verfolger, Kyburz gar 52. Elena Roos konnte sich daher die nötige Zeit nehmen, um «einen sauberen Lauf durchzuziehen» (Roos). Wie bereits vor drei Jahren bei der EM im Tessin lief Roos als Schlussläuferin zu Gold. Kyburz hatte an der WM 2014 Anteil am Staffel-Sieg gehabt, für Aebersold und Hadorn war es die erste Goldmedaille an Welt- oder Europameisterschaften in der Elitekategorie.

Medaillensammlung erweitert
Dass Simona Aebersold auch einmal ganz oben auf dem Podest stehen würde, hatte sich abgezeichnet. Die Seeländerin gewann nicht nur zahlreiche Titel bei den Juniorinnen, auch bei der Elite überzeugte sie von Beginn an und holte an der EM 2018 und der WM 2019 insgesamt vier Medaillen (je zweimal Silber und Bronze).

Bereits heute geht es für Aebersold mit der Qualifikation für den Knockout-Sprint weiter, der am Samstag über drei Runden (Viertelfinal, Halbfinal, Final) ausgetragen wird. «Da kommt es mir vielleicht entgegen, dass ich heute die Startläuferin war: Jetzt weiss ich jedenfalls, wie ich mich an der Spitze eines Feldes durchsetzen kann.»

So formstark wie sich Simona Aebersold derzeit präsentiert, würde es nicht überraschen, wenn sie am Wochenende weitere Medaillen ihrer Sammlung hinzufügen würde.

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So geht es an der EM in Neuenburg weiter
Heute werden keine Medaillen vergeben. Dafür stehen ab 15 Uhr die Qualifikationsläufe für den Knockout-Sprint auf dem Programm.

Morgen findet der Knockout-Sprint statt. Die Viertelfinals beginnen um 13.20 Uhr (Männer) und 13.50 Uhr (Frauen), die Halbfinals um 15.10 Uhr (Männer) und 15.45 Uhr (Frauen), dieFinals um 16.20 Uhr (Männer) und 16.40 Uhr (Frauen).

Am Sonntag endet die EM mit den Einzelsprints (ab 13 Uhr).

Das Schweizer Fernsehen SRF überträgt die Medaillenentscheidungen live, die Rennen werden ohne Publikum durchgeführt.

Stichwörter: OL, Simona Aebersold