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Tennis

«Gegen Federer zu spielen, wäre ein Traum gewesen»

Am Freitag und Samstag tritt die Schweiz in Biel im Davis Cup gegen Libanon an. Die Nummer 1 der Gäste ist Benjamin Hassan, der in Deutschland geboren wurde. Er erzählt, wie er sich als Tennisprofi durchschlägt.

Bild: Freshfocus

Interview: Beat Moning

Benjamin Hassan, wie fühlen Sie sich nach zwei Tagen im Seeland?

Benjamin Hassan: Es ist schön hier, das Essen ist gut. Doch, mir gefällt es, auch die Anlage des Verbandes. Wir freuen uns, hier zu spielen, und sind motiviert.

 

Kennen Sie die Schweiz?

Nein, ich war noch nie hier. Traurig, aber wahr. Vielleicht aber komme ich gar zurück. In zwei Wochen findet in Biel noch ein Challenger statt.

 

Kennen Sie aber das Schweizer Team?

Ja, klar. Man sieht sich ab und zu auf der Tour. Vor drei, vier Jahren spielte ich gegen Henri Laaksonen und verlor knapp in drei Sätzen. Auf Sand. Die Schweiz ist Favorit, das ist uns klar. Aber wir geben unser Bestes.

 

Sie wären sicher gerne gegen Roger Federer angetreten?

Gegen Federer zu spielen, wäre ein absoluter Traum gewesen. Ich habe nach der Auslosung wirklich darauf gehofft. Aber wir wissen natürlich, dass er leider verletzt ist. Vielleicht kommt er ja das Spiel vor Ort anschauen.

 

Denken Sie?

Der Schweizer Daviscup-Captain Severin Lüthi ist ja sein persönlicher Coach. Und er trainierte einmal hier in Biel. Also, schon möglich. Ich würde mich riesig freuen. Wegen ihm habe ich angefangen, Tennis zu spielen. Im Fernsehen schaute ich nur ihn. Ein unglaublicher Typ.

 

Sie sind 27-Jährig. Man hörte erst in den letzten fünf Jahren etwas von 
Ihnen. Sind Sie ein Spätzünder?

Ich begann mit sechs Jahren, eben, als Federer erstmals in den Schlagzeilen war. Dann, so mit 13 oder 14 Jahren, hatte ich irgendwie keinen Bock mehr auf Tennis. Erst wieder, als ich 22 Jahre alt war. Als ein Challenger in meiner Wohngegend im Saarland stattgefunden hat und ich eine Wildcard erhielt. Ich spielte ohne Training nicht einmal so schlecht. Da packte es mich wieder.

 

Und jetzt haben Sie eine Klassierung um 300 herum. Ihr Coach ist der 
Meinung, dass die Libanon-Spieler schlechter klassiert sind, als Ihr Können. Wo sehen Sie sich selber?

Ich bin auch der Meinung, dass unser Ranking nicht viel aussagt über unsere effektive Stärke. So um die 200 scheint mir realistisch. Wenn wir einen guten Lauf haben, können wir schnell Schritte nach vorne machen.

 

Viele libanesische Spieler gibt es nicht …

Wir vom Davis Cup sind die Einzigen, es gibt noch ein paar Nachwuchsspieler. Dann hat es sich. Frauen spielen keine.

 

Der Stellenwert im Tennis ist also nicht sehr hoch in Libanon?

Würde ich nicht sagen. Wir spielten kürzlich daheim gegen Brasilien und es kamen etwa 150 Zuschauer. Die haben uns gekannt und auch gefreut darüber, dass wir ihre Farben tragen.

 

Sind sie oft im Libanon? Sie leben ja in Deutschland.

Ich fühle mich da durchaus verbunden. Ich habe einen Onkel dort und fünf Cousins, die ich schon besuchen ging. Das Land gefällt mir, das Meer, die Strände, die Berge. Aber man sieht die Nachwehen aus dem Krieg.

 

Inwiefern?

Die Leute sind weiterhin arm, haben kein Geld, kein Benzin, um zu flüchten. Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist allgegenwärtig. Die Infrastruktur ist bedenklich.

 

Ihre Eltern kommen aus Libanon, Sie selber sind in Deutschland geboren.

Richtig. Mein Vater flüchtete beim Bürgerkrieg, meine Mutter kam später als Kleinkind und kann sich nicht mehr richtig erinnern. Sie haben sich dann in Deutschland kennengelernt. Ich habe noch vier Geschwister.

 

Die auch Tennis spielen?

Ja, auch talentiert sind, aber schlicht zu faul, um professionell zu spielen …

Aber sicher stolz, dass der Bruder um die Welt jettet. Wie finanzieren Sie sich?

Ich kann Ihnen sagen, es ist ein steter Kampf und ein bescheidenes Leben. Auch wenn es extrem Spass macht. Ich habe keine Sponsoren und auch keine verrückte Einzelperson, die so tennisverbunden wäre, um mich zu unterstützen. In Deutschland geht das Geld in den Teamsport. Ich finanziere mich aus der deutschen Liga, wo ich Meisterschaft spiele, und auch jetzt vom Davis Cup gibt es etwas. Es steckt wirklich viel Enthusiasmus dahinter. Alle wissen: Wenn du nicht unter den Top 150 bist, verdienst du im Tennis nichts.

 

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich habe das Abitur gemacht, begann zu studieren. Vielleicht gehe ich später wieder an die Uni. Vielleicht werde ich Trainer. Beim Verband und mit Kindern zu trainieren, würde mich reizen.

 

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Ohne Fans, live am TV

Freitag ab 14 Uhr zwei Einzel.

Samstag ab 13.30 Doppel, zwei Einzel.

  • Ausgangslage: Der Sieger spielt im September ein Aufstiegsspiel für die Qualifier-Gruppe. Der Sieger dort im März 2023 ein Spiel für die Finalrunde.
  • Eintritt: Die Partie findet ohne

Zuschauer statt (Vorgabe ITF). Rund 150 Sponsoren und Medien-

vertreter sowie Staffs haben Zutritt. SRG überträgt live an beiden Tagen.

  • Schweiz: Captain Severin Lüthi.

Henri Laaksonen (Jahrgang 1992,

ATP-Ranking 86). Dominic Stricker (2002, 161). Marc-Antoine Hüsler (1996, 186). Alex Ritschard (1994, 274).

  • Libanon: Captain Fadi Youssef.

Benjamin Hassan (1995, 330).

Hady Habib (1998, 421). Hasan Ibrahim (1995, 1710). Roey Tabet (2001, kein ATP-Ranking). bmb

Stichwörter: Tennis, Biel, Sport