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Reise der Hoffnung führt nach Magglingen

Seit Mittwoch wohnen 13 ukrainische Velofahrer in Magglingen. Mit zwei Bussen wurden die Nachwuchsathletinnen in die Schweiz gebracht – eine Whatsapp-Nachricht brachte alles ins Rollen.

Die Ukrainer trainieren im Velodrome. keystone

Patric Schindler

Eine Nachricht stellte das Leben von Swiss-Cycling-Geschäftsführer Thomas Peter auf den Kopf. Ein ukrainischer Bahn-Nationaltrainer informierte ihn via Whatsapp inmitten des Ukrainekriegs über seine Pläne, Nachwuchsfahrerinnen und Nachwuchsfahrer aus einem Trainingslager im Westen des Landes bis nach Italien zu bringen. Er fragte Peter um Rat. Der Geschäftsführer des nationalen Radsportverbands hatte nach ein paar Telefonaten die Idee, die ukrainischen Athletinnen und Athleten nicht nach Italien, sondern in die Schweiz zu bringen. Nachdem er vom Bundesamt für Sport (Baspo) in Magglingen grünes Licht erhielt, war für Peter klar, dass man die Nachwuchs-Nationalmannschaftsmitglieder schnellstmöglich mit Bussen an der polnisch-ukrainischen Grenze abholen und ins Seeland fahren würde.

Vergangenen Montag um 10 Uhr bestätigte Peter dem ukrainischen Trainer, dass man am Dienstag mit zwei Bussen in Polen sei. Noch am selben Tag um 15 Uhr nahm der erste Bus die Fahrt in Richtung Osteuropa auf. Eine Stunde später war der zweite Bus unterwegs, schliesslich wollte man keine Zeit verlieren. Je zwei Personen, darunter Thomas Peter, sassen in den zwei Bussen und wechselten sich beim Fahren ab. Nach 21 beziehungsweise 22 Stunden bei einer reinen Fahrzeit von 15 Stunden kamen die Fahrzeuge in der Nähe der polnisch-ukrainischen Grenze um die Mittagszeit in der Stadt Lublin an, um die sechs Juniorinnen und sieben Junioren zwischen 16 und 19 Jahren in Empfang zu nehmen. Zwei Stunden später fuhr man zurück in die Schweiz.

Ein eindrücklicher Tweet

Dass Peter und sein Team die ukrainischen Nachwuchssportler antreffen konnten, war allerdings nicht selbstverständlich, denn zuerst mussten die Juniorinnen und Junioren zu Fuss über die Grenze gelangen. Die Erleichterung der Schweizer war deshalb gross, als man feststellte, dass es die Ukrainer alle rechtzeitig über die Grenze geschafft haben. Und gross war auch die Freude, als man den Nachwuchs wohlbehütet bis nach Magglingen brachte.

«Wir haben 13 junge ukrainische Radrennfahrer gerettet und ihnen vorübergehend in der Schweiz ein Zuhause gegeben.  Besser als nichts», twitterte Thomas Peter am Mittwoch. Diese eindrückliche Geschichte einer couragierten humanitären Aktion hat Peter detailliert an Micha Jegge, dem Leiter Kommunikation von Swiss Cycling, erzählt. Und dieser hat sie nun dem BT geschildert. Peter ist in diesen Tagen zeitlich sehr absorbiert und arbeitet daran, möglichst ein normales Tagesprogramm mit Sprachkursen und Trainings auf die Beine zu stellen. Deshalb war er für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Zurzeit ist es auch nicht möglich, mit Junioren oder mit Personen, die sich am Baspo und bei Swiss Cycling in Grenchen um die Nachwuchsathleten kümmern, zu sprechen. «Die Ukrainerinnen und Ukrainer sind erst seit Mittwoch in der Schweiz. Wir möchten, dass sie sich erst einmal in Ruhe in der Region einleben können», sagt Jegge.

«Die Nachwuchsfahrer wohnen in einem Baspo-Unterkunftsgebäude», erklärt Kurt Henauer, Sprecher der Kommunikationsabteilung des Baspo. Dort würden sie Unterkunft und Verpflegung sowie weitere Dienstleistungen erhalten. «Sportlich betreut werden sie aber von Swiss Cycling», sagt Henauer. Eine weitere Anfrage ist im zweiten nationalen Sportzentrum des Baspo, im Centro Sportivo in Tenero CST, eingegangen. Hier geht es um die Aufnahme von ukrainischen Schwimmerinnen und Schwimmern. Ob diese aufgenommen werden können, ist noch nicht klar.

Sprachkurse ab nächster Woche

Die Trainingseinheiten erfolgen unter anderem im Tissot Velodrome in Grenchen und auf der Strasse vorwiegend im Seeland. Am Donnerstag, also nur einen Tag nachdem die Ukrainer in die Schweiz gekommen sind, haben sie schon im Velodrome trainiert. Bis am Sonntag wird bezüglich des Programms improvisiert. Zum einen sollen die Jugendlichen die Region kennenlernen, zum anderen ihre Trainings absolvieren können. Da die meisten der Nachwuchsathleten weder Deutsch noch Englisch sprechen, werden sie ab nächster Woche Sprachkurse besuchen.  «Dann werden wir auch schauen, dass sie einen geregelten Tagesablauf haben», sagt der Leiter Kommunikation von Swiss Cycling.

Jegge zeigt sich sehr erfreut über die Reaktionen, nachdem bekannt wurde, dass man die Nachwuchsathleten nach Magglingen gebracht hat. «Sehr viele Leute haben uns ihre Unterstützung angeboten», sagt er. Was das Material betrifft, werden mittlerweile nur noch Velos benötigt. Wer ein Rennrad oder ein Mountainbike in der Grösse S oder M zuhause hat und es gerne zur Verfügung stellen würde, kann sich bei Swiss Cycling melden.

Der Tropfen auf dem heissen Stein

«Das Ganze ist ein Tropfen auf einen heissen Stein. Aber dieser Tropfen ist viel, viel mehr wert als gar nichts». Dieses Zitat stammt von Swiss-Cycling-Geschäftsführer Thomas Peter, der innerhalb von wenigen Tagen und äusserst spontan mit Hilfe seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter junge Menschen an der Grenze zu einem Kriegsgebiet in die Schweiz in Sicherheit brachte. «Besser als nichts» – diesen Tweet wird Peter wohl nie löschen und ihm ewig in Erinnerung bleiben.

 

Stichwörter: Baspo; Swiss Cycling